17.03.2005
|
|
Nach Wal-Marts Sexverbot
und der Einrichtung einer Informanten-Hotline bricht in Deutschland ein wahres
Mediengewitter aus
Wal-Marts neue Hotline und das Verbot von sexuellen Beziehungen zwischen Mitarbeitern hat eine noch nie dagewesenes Mediengewitter in Deutschland ausgelöst. Dem Leser der Bildzeitung, Deutschlands meistgelesenem und populärstem Blatt, springt ein volles Deckblatt über das "Sexverbot für Wal-Mart Mitarbeiter" entgegen und er erfährt, dass der Einzelhändler das Privatleben seiner Angestellten zu regeln gedenkt. - "Ehrenhaftigkeit, Respekt, Fairness und Integrität", so formuliert der US-Riese Wal-Mart seine Geschäftswerte, schildert die Bildzeitung auf ihrer Website. In Wahrheit aber soll die US-Supermarktgruppe seine Angestellte drangsalieren. Die 28-seitige "Ethikrichtlinie" sorgt für grosse Unruhe bei der Belegschaft. Nach Meinung von Bild wolle Wal-Mart nun sogar im Liebesleben seiner Angestellten herumschnüffeln. Die Bild ist nicht die einzige Zeitung, die den Abscheu der Deutschen über den jüngsten Wal-Mart-Skandal thematisiert. Die gesamte Medienlandschaft in Europas wirtschaftlich grösstem Land ist in Aufruhr über den fehlenden Respekt des multinationalen Unternehmens aus Bentonville für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für die europäische Kultur überhaupt. Wieder einmal ist der Schuss des weltgrössten Einzelhändlers nach hinten losgegangen. Nach Meinung der Zeitschrift Der Spiegel werden die ArbeitnehmerInnen ausserdem dazu ermuntert ihre Kollegen anzuschwärzen. Deutschlands angesehenstes Nachrichtenmagazin berichtet, wie das Unternehmen seine ArbeitnehmerInnen dazu drängt, zu Informanten zu werden. Der Spiegel schreibt auch, dass das Unternehmen es vermieden hatte, sich mit seinem Betriebsrat zu beraten, bevor es diese Regeln herausgab. Dieses Verhalten stellt aber eindeutig eine Verletzung gegen die geltende Arbeitsgesetzgebung dar. - Die Geschäftsleitung hätte mit den Betriebsräten sprechen müssen bevor es seine "Ethikrichtlinie", gibt Ulrich Dalibor, Ver.dis Einzelhandelssekretär, zu bedenken. - Dies ist nicht geschehen und es handelt sich um eine klare und ernsthafte Verletzung des deutschen Arbeitsgesetzes. Dalibor fügt hinzu, dass ein Unternehmen, welches ethisch korrektes Verhalten von seinen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern oder von anderen verlange, sich zunächst einmal selbst ethisch korrekt verhalten solle. - Wir wissen nur zu gut, dass dies bei Wal-Mart nicht der Fall ist, stellt Dalibor schliesslich fest. Wal-Mart hatte mit seiner kontinuierlichen Weigerung, den Arbeitgerverbänden beizutreten und den Branchentarifvertrag zu unterzeichnen, Deutschland die Augenbrauen hochziehen lassen. Ver.di, Mitgliedsorganisation von UNI Handel, war es trotzdem gelungen, den Einzelhandelsriesen zu einer Erklärung zu bringen, nach der er die Bestimmungen des Kollektivvertrags respektieren sollte. Dieser Schritt erforderte vorherigen massiven Druck durch die gut organisierte Arbeitnehmerschaft und eine Serie an Warnstreiks. Das jüngste Zeichen der Respektlosigkeit Wal-Marts gegenüber seinen deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hebt den Ruf des Unternehmens sicherlich nicht an. Zudem verzeichnet es kontinuierlich markante Geschäftsverluste. Das Wal-Martkonzept ist noch immer nicht gut angenommen worden und der US-Einzelhändler hat bisher dem Wettbewerb auf den europäischen Märkten nicht erfolgreich standhalten können. Im Vereinigten Königreich fällt Wal-Mart weit hinter dem hochprofitablen Marktführer Tesco zurück, welcher sich mit seinem Sozialpartnerschaftsabkommen mit der Handelsgewerkschaft Usdaw und seinem guten Arbeitgeberverhalten bereits einen Namen gemacht hatte. Usdaw ist ebenfalls Mitglied von UNI Handel. Als die Supermarktkette Safeway zum, Verkauf angeboten wurde, zeigte Wal-Mart Interesse und wurde schliesslich von Morrisons, einem anderen britischen Einzelhändler ausgestochen. In Japan ist auch das Wal-Mart-dominierte Unternehmen Seiyu recht unprofitabel und wurde von den Behörden von der Rettungsaktion des maroden Supermarktriesen Daiei ausgeschlossen. Daiei fiel statt dessen an eine von Marubeni geleitete Gruppe. Erst kürzlich misslang es dem US-Einzelhändler, sich Carrefour-Geschäfte in Japan und Mexiko anzueignen, die an einheimische Einzelhändler gingen, als sich der französische Multi zurückzog. Gerüchte kursierten, dass Wal-Mart an dieser Kette hochinteressiert gewesen sein soll. In Nordamerika kommt Wal-Mart wegen Verletzung von Arbeitnehmerrechten häufiger mit dem Gesetz in Konflikt. Auch die ehrgeizigen und vermutlich ausserordentlich teuren Öffentlichkeitskampagnen scheinen nicht zum gewünschten Erfolg zu führen, denn der Einzelhandelsgoliath bekommt täglich auch weiterhin nur schlechteste Presse. Die Entscheidung, den ersten organisierten Laden in De Jonquière in Quebec, Canada, zu schliessen anstatt in Kollektivvertragsverhandlungen mit der UNI Handelsorganisation UFCW zu treten, regte auf dem gesamten Kontinent wie auch im Ausland grossen Unmut.
|